Spott- und Spitznamen


Viele Deutsche tragen manchmal, ohne es recht zu ahnen, derbe mittelalterliche Spott- und Spitznamen als Familiennamen. Viele Namen haben auch einen ausgeprägt verleumderischen Charakter. Die Gründe dafür, dass mancher Deutscher so skurrile Namen wie "Bierschwall" oder "Feist" trägt, sind relativ einfach zu verstehen: Der Prozess der Namensbildung verlief im Mittelalter, wo er seinen historischen Ausgang nahm, alles andere als amtlich oder geordnet. Und viele damalige Entscheidungsgründe einen Menschen mit Hilfe seines Beinamens etwa auf eine körperliche Auffälligkeit zu reduzieren, entsprechen auch heute nicht mehr unseren ethischen Selbstverständnissen oder unserem Begriff von Höflichkeit. Das Mittelalter war hier jedoch häufig sehr viel rücksichtsloser.

Am deutlichsten tritt dieser brutale Blick bei solchen Familiennamen hervor, die auf eine Deformierung oder Behinderung des ursprünglich Bezeichneten hindeuten. Dies ist etwa bei Familiennamen wie "Schramm" der Fall, der etwa auf eine auffällige Narbe hinweisen kann. Der Name "Scheel" hingegen deutet auf einen schielenden Menschen. "Stelzer" verweist dagegen auf das mittelhochdeutsche Wort "stelze", womit ein Stelzbein oder eine Krücke bezeichnet wurde. Häufig deuten sich hierdurch auch dramatische Kriegsverletzungen oder Arbeitsunfälle an, die im mittelalterlichen Deutschland nicht selten und für die Betroffenen häufig mit bitterer Armut verbunden waren.

Viele der heutigen Familiennamen scheinen uns auch einen guten Eindruck vom nachbarschaftlichen Gassen-Gezänk, oder schlicht von übler Nachrede geben zu können. Dabei ist es heute nicht mehr möglich, zu entscheiden, ob ein mittelalterlicher Vorfahre tatsächlich den Namen "Schmetzer", was soviel wie "Schwätzer" oder "Verleumder" bedeutet, tatsächlich verdient hatte. Gleiches mag für solch despektierliche und doch recht eindeutige Namen wie "Böse/Bose" oder "Keul/Keil" für einen groben und rücksichtslosen Menschen gelten.

Im zwölften Jahrhundert war in den schnell wachsenden Städten mit vielfältigem gesellschaftlichem Leben eine präzise Kommunikation unerlässlich geworden, um Verwechslungen bei gleich lautenden Personennamen zu vermeiden: Sollte nun Heinrich, der am Stadttor wohnt, wegen Steuerhinterziehung am Pranger landen, oder Heinrich, der stadtbekannte Müller?

Solch banale Kennzeichnungen bildeten denn auch die Grundlage der ersten Familiennamen: Abstammung, Herkunftsort, Wohnsitz, berufliche Tätigkeit waren ebenso ausschlaggebend wie persönliche, als besonders charakteristisch erachtete Eigenschaften der Person. Manche der Benennungen würden heute wohl eine Strafanzeige wegen Beleidigung nach sich ziehen: Als sein größtes Vergnügen unterstellte man dem ersten Herrn Bierschwall tatsächlich das, was man auf Grund seines Namens auch heute noch vermuten würde – Nomen est Omen.

Doch Familiennamen sind nur in Ausnahmefällen veränderbar. Darüber wacht das Standesamt...

 

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